Dieses Jahr soll eine Acht vorne stehen

Im August 2016 erfüllte Jan Schwanitz sich einen großen Traum: Er fuhr den Ötztaler Radmarathon. Jetzt greift er nochmal an und trainiert dafür hart, denn jede Sekunde zählt.

Mit vier Jahren saß Jan Schwanitz erstmals auf einem Fahrrad. Dass er 34 Jahre später am härtesten Hobby-Radrennen in den Alpen teilnehmen würde, ahnte damals noch niemand. „Mit 14 kaufte ich mir mein erstes Rennrad – vom Konfirmationsgeld“, erinnert sich der Rottorfer. „Damit war ich ständig unterwegs. Doch Rennradfahren als Sport betreibe ich erst seit sechs Jahren.“ Zu dem Zeitpunkt suchte er nämlich nach einer Möglichkeit, sich zwischendurch mal so richtig auszupowern und an die eigenen Grenzen zu gehen. „Ich habe früher viel Fußball gespielt. Nach der Geburt meiner Söhne Mika (8) und Matti (6) musste ich dort kürzer treten. Aber Joggen alleine hat mich auf Dauer einfach nicht ausgefüllt.“ Seitdem ist Jan regelmäßig mit dem Rennrad unterwegs – aber nur von März bis Oktober, denn während der Wintermonate wird das Rad eingemottet. Allein im vergangenen Jahr fuhr er zur Vorbereitung auf den Ötztaler rund 8.000 Trainingskilometer, fünf- bis sechsmal die Woche treibt er dann intensiv Sport. 

Mit „Miss Giant“ zum Ziel. Vor eineinhalb Jahren kaufte er sich ein neues Rennrad, dass er liebevoll „Miss Giant“ nennt. Die Lady wiegt lediglich sieben Kilo, der orange-schwarze Rahmen ist aus Vollcarbon. Der Clou: Man kann das Rad soweit auseinandernehmen, dass es in einem Koffer transportiert werden kann. Einige Male nahm Jan Schwanitz schon an den Cyclassics in Hamburg teil, am vergangenen Sonntag fuhr er mit dem neuen Rad sogar auf Rang 17 (5. Platz in seiner Altersklasse) und wurde Zweiter in der Bergwertung. „Mein nächstes Ziel ist, hier unter die TopTen im Gesamtklassement zu kommen.“   

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und in mehr als 60 Kurven schlängelt sich die Passstraße zum Timmelsjoch, Österreichs höchstgelegenem Straßengrenzübergang, hinauf

Einer von 4.500 Fahrern. „Die Entscheidung, den Ötztaler zu fahren, habe ich getroffen, nachdem meine Frau und ich uns im Herbst 2015 getrennt haben.“ Einen Startplatz zu bekommen, ist aber gar nicht so einfach. Denn von 16.000 Bewerbern dürfen nur 4.500 im August auf die Strecke, bis auf wenige Ausnahmen werden die begehrten Plätze verlost. Einen fixen Startplatz erhalten alle Vorjahressieger des Radmarathons sowie die Sieger der einzelnen Klassen und die fünf schnellsten Mitglieder des Siegerteams sowie alle, die unter acht Stunden gefahren sind. „Im vergangenen Jahr wollte ich auf Nummer sicher gehen, deshalb habe ich die Option mit Trainingslager gewählt und hatte dadurch einen festen Startplatz“, erzählt Jan. Und das Trainingslager war zudem eine gute Vorbereitung auf den großen Tag. Zwar hatte der Rottorfer im Vorfeld schon etliche Höhenmeter im Harz erklommen, aber die Alpen sind dann doch noch einmal ein anderes Terrain. „Viermal ging es im Trainingslager auf einzelne Etappen der Gesamtstrecke. Danach wusste ich annähernd, was mich am 28. August erwarten würde!“

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Die Vorfreude steigt. 238 Kilometer am Stück dürfte für die meisten Hobbyradfahrer schon eine Herausforderung sein. Diese kombiniert mit 5.500 Höhenmetern treiben einem beim bloßen Gedanken den Schweiß auf die Stirn. Anders sehen das die Teilnehmer des Ötztaler Radmarathons, denn die meisten verwirklichen sich damit einen Traum. „Alleine schon die Stimmung in den Tagen davor war großartig. Die Straßen sind geschmückt und in Sölden spürt man die Vorfreude auf dieses Event“, erzählt Jan Schwanitz.

Der große Tag. Als Radfahrer sollte man Frühaufsteher sein. Für Jan kein Problem – zumindest, wenn es darum geht, mit „Miss Giant“ die hohen Berge zu erklimmen. „Am Tag des Marathons habe ich mir den Wecker auf vier Uhr gestellt. Nach dem Frühstück ging’s zur Start-aufstellung. Und je früher man dort ist, umso besser ist der Startplatz.“ Der Startschuss, der um 6.45 Uhr fiel, setzte das nötige Adrenalin frei. Angeführt wurde die Kolonne der 4.500 Fahrer von einem Safetycar. „Das ist eine reine Vorsichtmaßnahme, damit es nicht gleich zu Beginn zu Stürzen kommt. Denn die ersten 40 Kilometer gehen so richtig bergab und man erreicht eine Durchschnittgeschwindigkeit von rund 50 km/h. Das ist nicht ungefährlich bei solch einem Massenstart“, erklärt  Jan das Prozedere. Ab dem Kreisel in Ötz war dann freies Fahren. „Ab dann muss man sich die Kräfte gut einteilen, denn es warten jede Menge Anstiege auf einen. Zum Glück hatte ich mich im Harz schon darauf vorbereitet. Doch die Steigungen in den Alpen sind noch mal eine Spur härter.“ Auch wenn jeder Fahrer sein eigenes Rennen fährt, macht es trotzdem Sinn, sich einer Gruppe anzuschließen, mit der man die Etappen gemeinsam erklimmt. „Besonders viel Spaß machen natürlich die Abfahrten. Da rast man dann mal eben mit mehr als 100 km/h ins Tal. Das rockt!“

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führt der Kühtaisattel hinauf und zählt zu den nördlichsten Alpenübergängen. Er verbindet das Ötztal mit dem Sellraintal im Osten

Keine Angst vorm Scheitern. Auf dem Weg zum Jaufenpass passierte etwas Unvorhergesehenes. Eine Reifenpanne sorgte für einen unfreiwilligen Stopp. Sekunde um Sekunde tickte der Uhrzeiger unbarmherzig weiter, während Jan Schwanitz machtlos am Straßenrand wartet. Dank eines Servicewagens konnte der Plattfuß nach einer guten halben Stunde behoben werden. „Dann wieder in den Tritt zu kommen, ist schwierig. Viele geben dann auf. Das kam für mich nicht in Frage!“   Wut mobilisiert Kräfte, und so kämpfte sich der Rottorfer Meter um Meter bei zwölf Prozent Steigung nach oben, um anschließend die rasante Abfahrt in Richtung St. Leonhard zu genießen und sich mental auf die Fahrt hoch zum Timmelsjoch vorzubereiten. 14 Prozent Steigung fordern nämlich sogar von erfahrenen Radprofis die letzten Kraftreserven.

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„Ich habe etwa zweieinhalb Stunden für die 29 Kilometer gebraucht. Und mit jedem Meter schmerzten die Muskeln in den Oberschenklen mehr. Da helfen dann nur Salztabletten. Die schmecken zwar furchtbar, aber lindern den stechenden Schmerz der Krämpfe“, erinnert sich Jan. Die letzten 20 Kilometer gehen bergab. Da nimmt man noch mal richtig Fahrt auf, bevor es in Sölden durchs Ziel geht. „Das Gefühl war unbeschreiblich. Nach 9 Stunden und 42 Minuten habe ich die Ziellinie passiert (Rang 1.226 in der Gesamtwertung). Danach musste ich mich für einen Moment sammeln. Das war wirklich bewegend!“

Das neue Ziel vor Augen. Am Sonntag, 27. August 2017, geht Jan Schwanitz wieder in Sölden an den Start. „Dieses Mal soll eine Acht vorne stehen. Ich will auf jeden Fall unter neun Stunden ins Ziel kommen“, steckt sich der begeisterte Radfahrer sein neues Ziel. Ohne Panne oder Sturz wird das machbar sein, denn seit April wird wieder fleißig trainiert. „Einen Startplatz habe ich zum Glück bekommen. Am 24. August steige ich den Zug gen Süden. Ich freue mich schon riesig auf den Moment, wenn am Rennsonntag früh morgens der Startschuss fällt. Dann gibt es nur noch „Miss Giant“, die Alpen und mich …“

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Fotos: Sportfotograf.com; Ötztaler Radmarathon; Andreas Vogt

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